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Martin Kerschensteiner wird neuer Sprecher des BMC

06.11.2025

Zehn Jahre nach seiner Gründung erlebt das Biomedizinische Zentrum (BMC) der LMU München seinen ersten Führungswechsel.

Landscape portrait of Martin Kerschensteiner.

© J. Greune / LMU

Ende September wählte der BMC-Vorstand Martin Kerschensteiner zum neuen Sprecher des Zentrums. Unter der Leitung von Professor Becker hat sich das BMC zu einem etablierten Zentrum für interdisziplinäre biomedizinische Forschung entwickelt. Das BMC freut sich nun darauf, diesen Kurs mit Professor Kerschensteiner fortzusetzen. In diesem Interview spricht er über seinen wissenschaftlichen Hintergrund, seine Motivation für dieser Rolle und seine Vision für die Zukunft des Zentrums.

1. Könnten Sie sich kurz vorstellen und uns etwas über Ihren wissenschaftlichen Hintergrund erzählen?

Ich habe mehrere Jahre als Postdoktorand im Ausland verbracht: Zunächst war ich am Institut für Hirnforschung der ETH Zürich tätig, später dann an der Washington University in St. Louis und an der Harvard University in den Vereinigten Staaten. Nach meiner Rückkehr nach München begann ich als Gruppenleiter am Institut für Klinische Neuroimmunologie und bin dort inzwischen zum Direktor des Instituts ernannt worden.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich neuroinflammatorischer Erkrankungen wie Multiple Sklerose, einer Erkrankung, die typischerweise jüngere Erwachsene schwächt. Wir untersuchen, wie Immunzellen in das Gehirn eindringen und Gewebeschäden verursachen, die zu Beeinträchtigungen führen. In meiner Forschungsgruppe versuchen wir beide Seiten dieser Wechselwirkung zu verstehen: wie das Nervensystem Immunreaktionen steuert und wie Immunzellen wiederum Nervengewebe schädigen. Unser Institut verbindet klinische und experimentelle Forschung, wobei verschiedene Gruppen sowohl immunologische als auch neurobiologische Aspekte der Multiplen Sklerose und verwandter neurologischer Erkrankungen untersuchen.

2. Sie waren bereits Mitglied des BMC-Vorstands. Welche Erfahrungen werden Sie in Ihre neue Rolle einbringen?

Ich bin seit Beginn an Mitglied des BMC-Vorstands und habe in der Vergangenheit bereits eng mit Peter zusammengearbeitet. Ich sehe die Rolle des Sprechers nicht als eine Position von oben nach unten, sondern als eine, die Konsens schafft. Der BMC-Vorstand arbeitet als „Koalition der Willigen“: Fortschritte können nur erzielt werden, wenn wir gemeinsam vorangehen. Zusammen mit den stellvertretenden Sprechern Antje Grosche und Michael Kiebler ist es unsere Aufgabe, Kompromisse zu finden und Richtungen zu definieren, von denen das Zentrum, seine Lehrstühle und seine Mitglieder profitieren.

Über die interne Rolle hinaus ist es für uns wichtig, das BMC nach außen zu vertreten – beispielsweise im Austausch mit dem Dekanat oder unseren Partnern auf dem Campus Martinsried/Großhadern. Viele unserer Initiativen hängen von dieser Zusammenarbeit ab, daher ist es für uns vorrangig, einen offenen Dialog mit der Fakultätsleitung zu pflegen.

3. Dies ist der erste Führungswechsel seit der Gründung des BMC vor zehn Jahren. Wie blicken Sie auf die Entwicklung des Zentrums in den letzten Jahren zurück?

Als das BMC gegründet wurde, handelte es sich in erster Linie um ein neues Gebäude, in dem sehr unterschiedliche Forschungsgruppen ohne große strukturelle Verbindungen untergebracht waren. Daraus ein wirklich zusammenhängendes und vernetztes wissenschaftliches Zentrum zu schaffen, war eine große Herausforderung, und Peters Enthusiasmus und sein integrativer Führungsstil spielten dabei eine entscheidende Rolle.

Im Laufe der Zeit haben Initiativen wie die Science Seasons, der Verhaltenskodex und die BMC Diversity Initiative dazu beigetragen, ein echtes Gemeinschaftsgefühl unter allen Forschenden des BMC zu fördern - nicht nur unter den Gruppenleitungen. Ich glaube, die bedeutendste Errungenschaft des ersten Jahrzehnts war die Entwicklung einer kooperativen Gemeinschaft über verschiedene Forschungsdisziplinen hinweg.

4. Was hat Sie motiviert, die Rolle des Sprechers zu übernehmen?

Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, in einer so gut konzipierten und modernen Forschungseinrichtung mit hochmoderner Laborinfrastruktur, hervorragenden Kerneinrichtungen (Core Facilities) und ausgezeichneter Tierhaltung zu arbeiten. Für mich ist die Übernahme dieser Rolle eine Möglichkeit, etwas zurückzugeben und einen Beitrag zur BMC-Gemeinschaft zu leisten.

Als Peter mich bat, diese Arbeit fortzusetzen, fühlte ich mich geehrt. Gemeinsam mit dem Vorstand haben wir darüber diskutiert, wie wir auf unseren bisherigen Erfolgen aufbauen können. Ich sehe das BMC als einen Ort, der innerhalb der Medizinischen Fakultät eine Vorreiterrolle einnehmen kann, indem es wegweisend bei der Schaffung innovativer Forschungsstrukturen ist und ein integratives und einladendes Arbeitsumfeld fördert. In diesem Zusammenhang möchte ich auch, dass wir unsere „grüne” Initiative weiterentwickeln und die Rolle des BMC als Vorbild für nachhaltige biomedizinische Forschung stärken.

Eine weitere wichtige Priorität ist es, das BMC für Nachwuchsforschende, insbesondere für diejenigen, die unabhängige Junior-Gruppen aufbauen, noch attraktiver zu machen. Zwar verfügen wir bereits über eine hervorragende Grundlage mit unseren Core Facilities, ich glaube jedoch, dass wir noch proaktiver sein könnten, um Nachwuchstalente zu unterstützen und zu fördern. Sie sind für die Einführung neuer Methoden und frischer Perspektiven im Zentrum unerlässlich.

5. Welche Prioritäten möchten Sie in den kommenden Jahren setzen – sowohl wissenschaftlich als auch strukturell?

Wir sind der Meinung, dass das BMC auch zukünftig als Pilotumgebung für neue Initiativen innerhalb der Fakultät dienen sollte. Gleichzeitig sollten wir uns darauf konzentrieren, das BMC zu einem lebendigen und einladenden Ort für junge Forschende unterschiedlicher Herkunft zu machen, damit sie sich bei ihrer Ankunft in München integriert und unterstützt fühlen. Zudem suchen wir nach Möglichkeiten, enger mit unseren Partnern auf dem Campus Martinsried/Großhadern zusammenzuarbeiten. Es gibt ein großes Potenzial für gemeinsame technologische Entwicklungen und translationale Projekte, von denen akademische und industrielle Partner gleichermaßen profitieren könnten.

Aus wissenschaftlicher Sicht glaube ich nicht, dass wir ein einziges übergreifendes Forschungsthema verfolgen können oder sollten. Die Stärke des BMC liegt in seiner Vielfalt. Unsere Aufgabe ist es, eine Kultur der Offenheit und Zusammenarbeit durch Initiativen wie gemeinsame Räume, Networking-Veranstaltungen und Initiativen wie die Science Seasons zu fördern, damit neue Ideen und Kooperationen organisch entstehen können.

6. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der biomedizinischen Forschung und welche Chancen oder Herausforderungen ergeben sich daraus für das BMC?

Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren vor zwei großen Herausforderungen stehen werden. Erstens gibt es finanzielle Einschränkungen. Die Mittel von der Universität und der Universitätsklinik werden wahrscheinlich knapper werden und der Wettbewerb um Drittmittel wird weiter zunehmen. Zweitens verändert sich die wissenschaftliche Arbeit selbst rasant, insbesondere durch den Aufstieg KI-gestützter Technologien. Diese eröffnen neue Möglichkeiten, können aber auch dazu führen, dass es schwieriger wird, innovativ zu bleiben.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, ist es unerlässlich, talentierte junge Forscherinnen und Forscher zu gewinnen und zu fördern, die neues Fachwissen einbringen und externe Finanzmittel für das Zentrum sichern können. Ihre neuen Erkenntnisse, sei es in den Bereichen Datenwissenschaft, KI oder anderen aufstrebenden Gebieten, werden dazu beitragen, dass das BMC an der Spitze der biomedizinischen Forschung bleibt.

Langfristig stelle ich mir das BMC als eine dynamische, kooperative und aufgeschlossene Gemeinschaft vor, die sich bemüht, wichtige Beiträge zum biomedizinischen Fortschritt zu leisten und ihre Mitglieder nach besten Kräften zu unterstützen.

Landscape Portrait Peter Becker.